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Liebe Leserin,  

lieber Leser unseres Gemeindebriefes, 


Unzufriedenheit, Neid und Ärger, Angst und 

Bange scheinen Hochkonjunktur zu haben. Die Gründe sind vielfältig. Berechtigterweise gibt es viel zu klagen. Über Krankheit und Tod. Über Unsicherheit und Inflation. Über die da oben und die Spritpreise. 

Ob nun berechtigt oder unberechtigt: Es tut uns nicht gut, das Klagen. Eine Weile können wir uns ablenken, aggressiv werden, uns die Welt schöntrinken oder schönzocken. Aber was wird dabei aus unserem Herzen? „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit, an deines Gottes Gaben…“ dichtete Paul Gerhard“ 1653 - also in der Nachkriegszeit des dreißigjährigen Krieges bis 1648. Überall waren die Wunden zu sehen. Und tatsächlich: Wer Freude finden will in schwierigen Zeiten, der braucht Motivation. Von innen oder von außen. Wir staunen:  Paul Gerhard motiviert sich selbst. „Geh mein Herz! Und suche…!“ Die Freude sprang ihm damals also nicht ins Auge. Zunächst hätte er ja all das Elend betrachten können. Also: „Bleib da mein Herz und leide an Beklagenswertem.“  Das  ist schon ein großer Schritt, nicht bei dem zu verharren, was uns bedrückt. Sondern eben auszugehen. Und Freude zu suchen! Dazu gehört  Hoffnung. 

Und Spürsinn: In dieser Freudensuche kann bei allem Beklagenswertem Erfüllung liegen. Dahinter muss man erst einmal kommen, und sich nicht im berechtigten oder unberechtigten Jammer zusätzlich belasten. Oder Freude in der Ablenkung zu suchen, deren Haltbarkeit fraglich bleibt. Gottes Gaben zu erkennen, ist eine Kunst des Glaubens. Und weil Kunst immer zuerst Handwerk ist, können wir sie lernen. Wir benötigen  zweierlei:  Wir müssen Zeit haben – also keine Angst vor der Langeweile  -  und ein Auge. Besser zwei. Aggressiv zu werden, sich in beliebige Rauschzustände zu flüchten, um sich dem Druck der Wirklichkeit zu entziehen, ist keine Alternative. Natürlich haben viele Menschen viel zu viel Zeit. Und es ist schon tragisch, dass der Preis des Zeithabens in Deutschland offenbar an den sozialen Abstieg gekoppelt ist. Oder an Krankheit. Oder ans Alter. Könnten wir nicht immer Zeit haben? Und Augen? Für Gottes Gaben? Die Fähigkeit, Gottes Gaben zu erkennen, setzt Demut voraus. Dass Demut eine Gegnerin der Freiheit sei, ist eine Lüge. Denn Gaben zu sehen, macht dankbar. Und damit  glücklich. Und glückliche Menschen  fühlen sich frei. Probieren wir es aus. Vielleicht haben wir im Sommer Zeit dazu. Das wünsche ich uns von ganzem Herzen. 


Ihr Pfarrer Michael Zemmrich