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Liebe Leserin,  

lieber Leser unseres Gemeindebriefes, 


wurde Ihnen schon einmal geholfen? Ich hoffe es. Denn vieles können wir allein  –  aber eben nicht alles. 

Die meiste Hilfe erfahren wir als Kind. 

Ohne Hilfe hätten wir unsere Kindheit nicht überlebt. Aber auch erwachsen bleiben wir auf Hilfe angewiesen. Natürlich können wir jemandem helfen, den wir nicht kennen. Weil Hilfe einfach nötig wird. Oft aber sind der, der hilft und der, dem  geholfen wird, einander gut bekannt. 

Also auch Stärken und Schwächen. Unter Nachbarn vielleicht. Unter Befreundeten. In der Familie. Einander zu kennen und bitten zu können, sind oft die Voraussetzungen für Hilfe. Damit Hilfe geschieht, ist also der Mut zur Bitte nötig, das Wissen um den anderen,Zeit und Einfühlungsvermögen. 


Auf dem Titelbild sehen wir ein kleines, aufs Mauerwerk gespraytes Kunstwerk am Seiteneingang eines Bürogebäudes. Dieses Bild erzählt auf eine humorvolle Weise von Hilfsbereitschaft in einer schwierigen Lage. Ein Mensch hilft einem anderen Menschen. Die hohen Stufen, über die ein Mensch einem anderen hilft, sind echt. Das Gesprayte hingegen ist eine kleine Phantasie. Eine Phantasie der Hilfsbereitschaft, die von Güte lebt. 


„Komm“, könnte der Eine gesagt haben, „fass mich an. Ich ziehe dich hoch.“ So geschieht es. Diese Phantasie ist schön. Die Stufen zu erklimmen, ist schwer. Und es sind mehrere 

Stufen. 

Die aus Güte entstehende Hilfsbereitschaft braucht  also einen langen Atem. Das ahnen wir. Und wir ahnen auch: Ohne Güte wird das nichts.


 In den ersten Versen des  9. Kapitels im Johannesevangelium wird uns berichtet, wie Jesus einen Blinden heilt.  Zuerst  ist  es nötig, dass der Blinde gesehen wird. Güte beginnt mit dem Hinschauen. Das ist nicht leicht, weil der Blinde schon immer blind da sitzt, wo er sitzt. Er guckt sich weg – würden wir sagen. Weiter ist es nötig, dem zu widerstehen, was man sich von dem Blinden so erzählt  – selber schuld. Und dann bewirkt Güte neues Hoffen. Es könnte ja doch sein, dass mir geholfen wird. Und am Ende heilt Jesus den Blinden. Er tut etwas. 


Güte bewirkt also das Hinschauen, überwindet  bösartiges, hartherziges Gerede, bewirkt Hoffen und Tun. Wenn Güte heute vom Aussterben bedroht ist, dann sind wir besonders beauftragt, Reservate zu schaffen, in denen es gütig zugeht, anders als oft üblicherweise. Güte aus vollem Herzen gegen „bleib wo du bist“. Stufe um Stufe klettern die beiden. Güte tut gut. Dir und mir. Wir brauchen sie. Und sie bewirkt Entscheidendes. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Ihr Pfarrer Michael Zemmrich