Liebe Leserin,
lieber Leser unseres Gemeindebriefes,
das Bild auf der Titelseite zeigt eine Hausfassade in Jena genau gegenüber der Wohnung unserer Tochter Sophie und ihrer Familie.
Immer wenn ich dort bin, schaue ich von der Wohnstube auf dieses Haus und diesen Spruch zwischen den Etagen „…und dazwischen liegt immer die Wahrheit!“ Und immer wieder denke ich darüber nach, über die Wahrheit und das „dazwischen“. Erinnert werde ich an Pontius Pilatus und seine Frage, die er Christus im Verhör stellt: Was ist Wahrheit? (Joh 18, 38). Und ich denke an meinen Konfirmationsspruch: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen (Joh 8, 31).
Ja, das glaube ich. Es gibt diese eine Wahrheit, die von der Liebe Gottes zeugt wie nichts und niemand anderes auf dieser Welt: Jesus Christus. Aber wir haben diese Wahrheit nicht wie einen verfügbaren Besitz in unseren Händen. Unser Erkennen bleibt immer bruchstückhaft und immer von Fehlern und Irrtümern behaftet. Die Wahrheit ereignet sich im Diskurs.Das glaube ich.
Darum brauchen wir das Gespräch, das meine Sicht ergänzt, mich korrigiert und die Grenzenmeiner Erkenntnis erweitert. Dietrich Bonhoeffer hat es so formuliert: „Der Christus in Dir ist schwächer als der Christus im Wort deines Bruders!“ (und deiner Schwester!). Ein Christ braucht den Glauben und die Sicht des anderen. Die Wahrheit, die dazwischenliegt, trennt uns Menschen nicht, sie verbindet uns in der Sehnsucht, ihr näherzukommen.
Auf Christus hin zu wachsen. Nur wenn ein Mensch meint, im Besitz der Wahrheit zu sein, fängt sie an Menschen zu trennen. Die Wahrheit „dazwischen“ aber ist eine Brücke, die verbindet.
Die Passions- und Osterzeit wird uns wieder gute Gelegenheiten schenken, über unseren Glauben und unsere Zweifel ins Gespräch zu kommen, mit Blick auf den, der von sich sagt: Ich bin der Weg ist und die Wahrheit und das Leben (Joh 14, 6).
Ihr Pfarrer Michael Bornschein